Wir lebten früher, als meine Eltern noch zusammen waren, auf dem Land. So richtig abseits der Zivilisation, irgendwo im nirgendwo. Vor uns endlose Felder und hinter uns tiefster Wald. Für uns Kinder war es eine fantastische Zeit. Toben, spielen, grenzenlose Freiheit in mitten der Natur und Platz ohne Ende definierten eine sehr lange Zeit unseres jungen Lebens.

Wir wohnten in einem relativ großem Haus und der obere Stock bestand im wesentlichen aus einem gigantischen Wohnzimmer mit Essküche. Mitten im Raum stand ein enormer ovaler Tisch mit genügend Platz für eine kleine Großfamilie. Ein gemütlicher Holzofen sorgte immer für eine wohlige Wärme und für die ganz Bequemen gab es ein kuscheliges Sofa mit Decken und Kissen zum entspannen. Alle paar Meter gab es Fenster die einem, einen unglaublichen Ausblick über die abfallenden Getreidefelder hinab ins Tal boten, bis dann in weiter Ferne winzig klein die letzten Lichter des Dorfes im Dunkeln glommen. Aufgrund der vielen Freiheiten die sich durch die Lage, den Platz und die Ruhe boten war es nicht sonderlich verwunderlich dass wir sehr häufig Gäste zu Besuch hatten. Eine Zeit lang sogar jedes Wochenende, denn meine Eltern genoßen es sehr Gastgeber zu sein. Tolles Essen, tolle Weine, grandiose Musik und immer gute Laune, ich liebte es. All diese Dinge habe ich über all die Jahre tief in mir aufgesogen, bis in die letzte Faser meines Körpers verinnerlicht und lebe sie heute noch, so gut es geht, nach diesem Vorbild.

Wieso erzähle ich das Ganze? Nun, wir benötigen diese lange Einleitung um euch in die Welt meiner Kindheit zu entführen, so dass Ihr euch auch ein Bild davon machen könnt, vielleicht sogar ein Stück weit mit erleben dürft. Noch nie zuvor habe ich über dieses Ereignis gesprochen, geschweige den geschrieben.

Es war ein typischer Samstag Abend. Es wurde gefeiert, es wurde gezecht und es wurde gelebt. Wie so oft waren wir Kinder mit uns selbst beschäftigt und rannten nur zum obligatorischen Naschen ins Wohnzimmer. Ich war zu diesem Zeitpunkt bereits 13 Jahre alt und wurde daher meist als Ältester geschickt, um für unsere kleine Gruppe ein paar Kleinigkeiten zu stibitzen. Ein paar Süßigkeiten, ein bisschen Obst und ein paar deftige Häppchen. Bei meinen Botengängen hatte ich die Angewohnheit, beim Weg zurück ins Kinderzimmer immer aus den Fenstern zu sehen. Für die wenigen Augenblicke über das tiefe Schwarz der Welt da drausen zu schweifen und meinen Augen freien Lauf zu lassen. Den goldenen Schein der Lichter des Hauses auf unserem Rasen zu bestauen und binnen weniger Sekunden den Fokus wieder zu verlieren. Es war nie bewusst, aber ich tat es praktisch immer. Die Faszination am Dunkeln mit den wärmenden Strahlen aus dem Haus, beinahe poetisch.

Es war das dritte oder vierte Mal an diesem Abend als ich vom anliegenden Kinderzimmer rüber kam um Naschkram zu organisieren. Auf meinem Weg zurück blickte ich wie gewohnt aus dem Fenster und

…. Da stand ein Mann in unserem Rasen. Nahe genug am Licht um die Umrisse sehen zu können, gleichzeitig weit genug davon entfernt um nur eine Ahnung zu zulassen.. Ich stockte im Gang.

Er sah mich an, ich sah zurück.

Ich konnte meinen Blick nicht abwenden. Wie gebannt starrte ich Ihn an, unfähig nur einen Finger zu rühren.

Nicht Ihn

Es.

Meine Nackenhaare stellten sich auf, meine Augen tränten, mein gesamter Körper versteifte sich, während sich Panik in mir breitmachte. Die niedersten Urinstinkte in mir schrien alle wie am Spieß, unfähig überhaupt nur eine Reaktion auszulösen, während es in meinem Kopf hämmerte.

RENN! VERSTECK DICH! SCHREI!

Es ging nicht.

Dieses Ding stand einfach nur da und sah mich an. Seine gesamte Haltung sprach Bände. Die Dunkelheit um es herum schien noch tiefer, noch schwärzer zu sein als alles was ich jemals zuvor erlebt hatte. Die Bedrohung die davon ausging steigerte sich rasend schnell ins Unermessliche.

Mein Herz raste, mein Schädel pochte, meine Gedanken spielten verrückt und ich konnte meinen Blick nicht abwenden. Mir wurde schwummrig vor Augen und meine Brust drohte zu bersten vor Schmerz, so unglaublich stark manifestierte sich die Panik in mir.

Ich weis nicht wie lange ich aus dem Fenster starrte während meine Bewegungen immer langsamer wurden. Wäre ich nicht im letzten Moment über mich selbst gestolpert und ins Straucheln gekommen, bin ich mir nicht sicher ob ich mich jemals wieder bewegt hätte.

Ich sprang in die Hocke und kauerte mich unter das Fenster. Das Herz schlug mir so weit im Hals herum, dass ich es praktisch im Munde spüren konnte. Ich schmeckte Blut. Ich muss mir unbewusst so fest auf die Zunge gebissen haben das ich davon blutete. Ich denke ich muss ziemlich seltsam ausgesehen haben so in der Hocke, zitternd, käseweis und Tränen in den Augen. Also tat ich das sinnvollste das mein Verstand in diesem Moment zuließ. Ich tat so als wäre ich gestolpert und ließ einen Teil meiner Beute auf den Boden kullern, nur um noch ein bisschen länger kriechen zu können.

Scheinbar auf der Jagd nach meinen Schätzen krabbelte ich weiter auf allen Vieren an den Fenstern vorbei und huschte wieder zurück in das Kinderzimmer zu den Anderen. Nach der Panik kam das Adrenalin und es half. Keiner merkte das mit mir etwas nicht stimmte und so konnte ich den Vorfall einfach überspielen und verdrängen.

Die darauf folgenden Wochen meidete ich es nach Einbruch der Dunkelheit an den Fenstern vorbei zu gehen und wenn ich es musste dann huschte ich so schnell ich konnte unter Ihnen durch. Über die Jahre gelang es mir irgendwann wieder, wie früher dunkle Fenster zu passieren und inzwischen schaue ich sogar wieder in die Dunkelheit. Diese Faszination ist mir geblieben. Mein Herz klopft zwar noch manchmal wenn ich mich an diesen Abend zurück erinnere, auch wenn mein Verstand mir sagt das es nur ein Mann war oder noch warscheinlicher einfach nur eine Einbildung. Eine Illusion,  ein Streich den meine Augen mir spielten.

Wieso erinnere ich mich jetzt spontan, beinahe 20 Jahre später an dieses Ereignis fragt ihr euch und was hatte es mit dem gesehenen auf sich?

Nun, was es damit auf sich hatte kann ich bis heute nicht sagen und ehrlich gesagt juckt es mich inzwischen auch nicht mehr.

Im Moment interessierte ich mich nur für das süffige Glas Wein in meiner Hand und den ruhigen, verdienten Abend ganz für mich alleine. Ich stellte es ab und dimmte das Licht. Eine letzte Frage stellte sich mir dann doch noch.

„Was mache ich gegen das Herzrasen? Diesen Druck in der Brust der immer schmerzhafter wird und droht mich zu sprengen? Gegen meine tränenden Augen?“

Ich denke ich kann langsam nicht mehr.

Panik steigt in mir hoch, meine Nackenhaare sträuben sich. „Wieso kann ich meine scheiß Arme nicht bewegen? Ist das ein dunkler, nasser Fleck in meiner Hose?“

…ich kann nicht mehr.

Meine Nase fängt an zu bluten, meine Augen wollen nicht mehr.

… ich kann fast nichts mehr erkennen.

 

Da steht ein Mann in meinem Garten.