13:15 Uhr, ich stehe vor dem „Ristorante Berillo“, besser bekannt als der „Straubinger Stein“ und warte auf meine Verabredung. Nach wenigen Augenblicken tauchte auch schon Tea Berillo auf, begrüßt mich mit einem strahlendem Lächeln und lässt mich in das Lokal.

„Guiseppe ist gleich da, mach es dir gemütlich“, sagte Sie und ging nach hinten. Wenige Minuten später sah ich ihn schon. Ein fröhlich, lächelnder Mann, Mitte 30, mit weißem Poloshirt und kurzen Hosen kam auf mich zu, Guiseppe Berillo. Chef und Koch des Hauses. „Was möchtest du trinken, die Cheffin ist aus dem Haus. Wir können machen was wir wollen“, war seine erste Frage nach der Begrüßung. Wir nahmen unsere Getränke, setzen uns auf die ruhige Hinterhofterrasse und begannen zu reden.

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Guiseppe Berillo

D: „Fangen wir einfach an, nenne mir deinen Namen und den deines Lokals.“

Guiseppe Berillo: “ Berillo. Guiseppe, Berillo. Unser Lokal heisst genauso, Berillo. Einfach Ristorante Berillo. Was haben wir uns am Anfang nicht alles überlegt, La Forchetta – Die Gabel, aber das war alles nichts. Wir stehen hinter unserem Geschäft, das sind wir, also machen wir es simpel.“

D: „Wieso die Umbenennung? Ihr seid inzwischen doch bekannt als Straubinger Stein.“

Guiseppe Berillo: Nach zwei Jahren, haben wir gemerkt das Ristorante hat eine Macke. Im ersten Jahr dachten wir uns, ein wenig mau der Sommer, wird sicher noch. Im zweiten Jahr war es wieder so. Also überlegten Tea und ich, nächtelang, was die Ursache dafür ist. Liegt es an uns? Nein, wir sind gepflegt, wir sind freundlich, das Lokal ist sauber. Die Qualität passt, Preise sind ordentlich kalkuliert, es kann nicht an dem liegen. Weil im Winter kommen ja die Leute und sind zufrieden.

D: „Und dann?“

Guiseppe Berillo: „Ein Kunde brachte mich darauf, er sagte das Lokal sei zu fleischlastig. Also überlegten wir und er hatte Recht. Kroatische Küche. Schwer, vieles vom Grill, sehr deftig und natürlich unsere heißen Steine. Zweimal deftiges Fleisch war uns zuviel, nach einiger Zeit entschieden wir uns für meine Heimatküche. Frische, leichte Pasta, sommerliche und leichte Gerichte für heiße Tage. Jetzt kriegt der Mann sein Steak und ist glücklich und die Frau kann sich was leichtes bestellen. Oder andersrum. Wegen der Umstellung der Küche, wollten wir eben alles ein wenig verändern.

D: „Also kriege ich mein gewohntes Essen vom heißen Stein und neu, mediterrane Küche?“

Guiseppe Berillo: „Unsere heißen Steine bleiben, die sind beliebt. Zusätzlich gibt es aber auch typisch italienische Gerichte. Fleischgerichte wie Scaloppina und ganz wichtig saisonale Karte. Heute habe ich zum Beispiel Pfifferlinge gekauft, ist gerade Saison. Die Nudeln mache ich selber und alles was ich kann, mache ich auch selbst. Wurst machen wir selber, oder wenn es ein wenig kälter wird gibt es frischen Aufschnitt. Die Wurst wird von uns selbst luftgetrocknet. Letztes Jahr habe ich zum zweiten Mal „Straubinger Parmaschinken“ gemacht, vom Spanferkel.  Ich war mir nicht sicher ob das ankommt oder es ob es klappt, aber es hat gepasst, wunderschöne rubinrote Farbe. Ich weis woher das kommt und es macht Spaß damit zu arbeiten.

D: „Wo wir gerade bei Zutaten sind. Hast du einen persönlichen Favoriten, eine Lieblingszutat mit der du am liebsten kochst?“

Guiseppe Berillo: „Ähm“, – überlegt – …. „hauptsache frische Produkte. Frische Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch. Kein Pulver! Frische Zwiebeln zu schneiden und verwenden ist toll. Aber so richtig habe ich keine Lieblingszutat, hauptsache frisch. Kräuter dürfen nicht fehlen, da hinter dir stehen unsere frischen Kräuter.“ – deutet auf die Kräuter.

D: „Hast du dann eine Leibspeise? Was wäre dein Lieblingsgericht?“

Guiseppe Berillo: – Wie aus der Pistole geschossen – „Spaghetti aglio olio!“ Simpel, leicht. Als meine Mutter, als wir noch zuhause gewohnt haben,  fragte: „Guiseppe, was kochen wir heute?“. Ich habe sie nur angekukt und sie sagte lachend, „Ok, dann machen wir Spaghetti aglio olio.“

D: „Hast du ein Gericht, das du einem neuen Kunden, der euch zum ersten Mal besucht, ans Herz legen möchtest? Eines um euch kennen zu lernen?“

Guiseppe Berillo: „Als Vorspeise, eine schöne, kleine Portion frisch gemachte Pasta und als Hauptspeise ein schönes Steak. Simpel und frisch. Wer die italienische Küche kennt, das ist nicht ein Gericht, ein Getränk und Tschüss. Das ist eine Vorspeise, gemütlich, wenn es geht noch einen schönen Aperitif, einen Fisch oder ein Steak und den Abend schön ausklingen lassen. So sollte es sein und so würden wir gerne kennen gelernt werden.

D: „Erzähl mir doch bitte ein wenig von eurer persönlichen Geschichte, eurem Werdegang.“

Guiseppe Berillo: „Hmm…., wo soll ich anfangen? Kindheit, aufgewachsen und geboren in NRW, Eltern beide Sizilianer. Zwischen 10 und 18 habe ich die Zeit in Italien verbracht. Ein Tag nach dem Wehrdienst, von Rom aus, ab ins Flugzeug und nach Düsseldorf. Und dann war ich mit 18 wieder hier. Bei den Eltern im Betrieb gearbeitet und mit 23 Jahren gedacht, Papa, jetzt bist du groß genug, jetzt kannst du alleine weitermachen. Also habe ich mir ein selbst ein kleines Lokal bei Ascha gesucht. Vier Monate gut gelaufen, vier Monate nicht. Da wir nicht im Guten von meinem Vater gegangen sind, hatten wir nichts. Null.

D: „Schwere Zeiten?“

Guiseppe Berillo: „Ja, sehr. Das Lokal war eingerichtet und ich hatte vom Kredit damals noch Geld übrig, 350,- €. Davon habe ich mir einen VW Polo gekauft, Baujahr ’87, den habe ich zwei Jahre gefahren. Ich war frisch verheiratet mit Tea und dachte nur Mist, jetzt habe ich eine zweite Person zu versorgen. Ich brauche ein Einkommen. Dann habe ich angefangen uns mit Sicherheitsdienst über Wasser zu halten, bis ich eines Nachts – ich konnte vor lauter Sorgen, nächtelang nicht schlafen – um drei Uhr aufwachte. Tea sagte: “ Was ist los?“. Ich sagte das ich eine Runde Auto fahren muss, ich dreh durch. Also fuhr ich los. Pilgramsberg hoch, links abbiegen und ich bin in Wiesenfelden gelandet. Es war stockdunkel, ich glaube das ist Deutschlands einzigstes Dorf, das alle Lichter ausmacht. Ich fahre so durch und sehe eine Bank, eine Kirche, noch eine Bank und eine Apotheke. Am nächsten Tag bin ich nochmal hin, es war ein Donnerstag, denn der Gickerlwagen war dort beim Getränkemarkt. Bin zur Gemeinde und habe gesagt ich suche einen Laden, ist etwas frei? Zufälligerweise wurde gerade das Cafe des Bürgermeisters frei. Besichtigt, gefallen, bekommen, genommen. Und ab da haben wir angefangen richtig zu arbeiten. Da war es toll. Wir haben dort kirchlich geheiratet und Toni wurde geboren.

D: „Also wurde es besser.“

Guiseppe Berillo: “ Noch nicht. Wir haben anfangs auf einer ausziehbaren Couch geschlafen. Hatten einen billigen zwei-türigen Schrank, Fernseher und Waschmaschine gebraucht aus der Zeitung. Im Cafe haben wir mit 30 Sitzplätzen und 12 Gabeln, 12 Messern und 6 Löffel begonnen. Das ist unsere tatsächliche Geschichte. Bald ging es uns besser, das Geschäft war gut uns ging es richtig gut und irgendwann, 2011 wollte ich Sicherheit. Man muss vorher erwähnen, mein Vater hat uns nie zu einer Ausbildung geschickt, es war praktischer wenn wir im Familienbetrieb arbeiten. Also beschloss ich mit Ende 20, ich muss was machen. Sollte es einmal nicht mehr laufen kann ich nichts zeigen, ich kann mich nirgendwo bewerben. Kein Papier. Ich bin nix.“

D: „Wie ging es weiter?“

Guiseppe Berillo: „Ich fuhr nach Passau und fragte ob ich einen Gesellenbrief machen kann. Kein Problem hieß es. Vollzeit vier Wochen, dann haben Sie es aufgrund der Berufserfahrung. Dann kam die Frage von Herrn Meyer: „Wo wollen Sie den hin?“ – Naja wenn es passt, hänge ich noch einen Meister dran. „Und warum machen Sie Ihn nicht gleich? Sie erfüllen die Voraussetzungen“. Also fragte ich wann es losgeht. Dann zieht er sein Prospekt heraus, schaut nach und sagt zweiter April. „Morgen.“ – Ich fuhr nach Hause, sechs Kaffee, unterhielt mich mit einem Freund und der sagte zu mir: „Guiseppe, wenn du es nicht jetzt machst, machst du Ihn nie.“ Gesagt, getan, angemeldet am 02. April bis 15. Dezember, Tag vor meinem Geburtstag, Prüfung gehabt und bestanden. Unser fünfter Hochzeitstag war es auch noch.

D: „Klingt echt nach einer erlebnisreichen Vergangenheit.“

Guiseppe Berillo: „Mit dem Meisterbrief wuchs auch der Wunsch nach einem größerem Lokal. Also haben wir drei Jahre lang gesucht bis wir den Straubinger Stein gefunden hatten.“ Was wir alles gesehen haben. Überteuerte Lokale, auf bayerisch sagt man „Glump“. Aber auch schöne, tolle Lokale die ganz wenig kosten, aber ohne Perspektive. Und seitdem sind wir hier und möchten am liebsten bleiben, für immer.

D: „Also kann man sagen, das du aufgrund deiner Erziehung und deiner Herkunft, ein Selfmademan bist.“

Guiseppe Berillo: überlegt – „Kann man sagen. Wir haben halt alle Höhen und Tiefen der Zeit mitgemacht und haben heute unser Lokal. Ist eigentlich eh traurig zu sagen, dass ich erst mit 23 mein erstes Geld verdient habe, wo andere mit 16 schon sind. Aber jetzt stehen Tea und ich hier und haben alles langsam, Stück für Stück, erarbeitet. Ohne Sie hätte ich heute einen Ferrari und morgen nichts.“

D: „Hast du, zum Abschluss, noch einen besonderen Wunsch oder ein Ziel das du erreichen möchstest?“

Guiseppe Berillo: „Ziel? – überlegt – Einfach zufrieden sein, gesunde Familie und glückliche Gäste. Ich wünsche mir das die Menschen gerne zu Gast bei uns sind. Einfach mal vorbei kommen, unser Lokal kennen lernen, uns kennen lernen und gerne wieder kommen. Natürlich geht das nicht immer oder bei jedem, aber ich traue mir zu, das sich die meisten wohlfühlen bei uns. Wenn erst einmal einer da ist, dann ist es meine Aufgabe Ihn glücklich wieder gehen zu lassen. Und natürlich arbeiten mit Spaß, das ist für mich sehr wichtig. Der Rest kommt von alleine.

D: Vielen lieben Dank für deine Zeit, hat mich sehr gefreut heute bei dir gewesen sein zu dürfen.

Guiseppe Berillo: „Gerne, ich habe zu danken. Jetzt haben wir geredet, jetzt wird gekocht und gegessen. Komm ich zeige dir wie man frische Pasta macht.“

Ristorante Berillo in Straubing, Mühlsteingasse 8

Gesagt, getan. Ab ging es in die Küche und er began Schüsseln, Waage und Zutaten vorzubereiten. „Wir brauchen Mehl und Ei – Fertig! – Daraus machen wir heute Linguine“, sagte er während er anfing das Mehl zu wiegen. Nachdem er einige Eier aufschlug, überließ er mir das Feld und räumte in der Zwischenzeit wieder auf.

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Mehl und Eier für frische Pasta

Jetzt ging es zur Nudelmaschine, welche sich ganz prominent, im Gastraum befindet. Ein paar Details erklärt, ein paar Handgriffe und ab mit den Zutaten in das Innere der Maschine, während Ehefrau Tea, kalte Getränke auf den Tisch stellt. Nur wenige Minuten später waren die Vorbereitungen fertig und es konnte los gehen. Mit leichtem Brummen setzte sich alles in Bewegung und ein paar Minuten später drückte es schon die Linguine aus der Öffnung. Ein paar gekonnte Handgriffe und da lag sie. Eine Portion frische, hausgemachte Pasta. Keine zehn Minuten später ist die Teigmasse verschwunden und wir hatten zwei Kilogramm Nudeln  vor uns liegen.

Zurück in der Küche wurden schnell ein paar frische Zutaten vorbereitet und schon ging es los. Ein besonderes Highlight war die frische Salsiccia, die er vor kurzem gemacht hatte. Nachdem alles nacheinander angeröstet und mit Weiswein abgelöscht wurde, ging es ab damit auf die Teller.  „Ahhh“, seufze er zufrieden, „wie bei Mama“, erklärte Guiseppe. Mit nur wenigen Handgriffen, immer nur das nötigste, zaubert er hier während ich staune wie simpel das Ganze geht. Am Interessantesten fand ich den extrem sparsamen Einsatz von Gewürzen und dennoch duftete es nach allem zugleich. „Hast du großen Hunger?“, fragte er. Ich verneinte, damit hatte ich auch nicht gerechnet, ehrlich gesagt. Also kleinere Portionen für alle und ab nach drausen und in Ruhe genießen.

„Linguine e Salsiccia“ – ein fantastisches leichtes Gericht, welches ich mir jederzeit privat gönnen würde und sicherlich auch mal versuche zu kopieren. Man schmeckte jede einzelne Zutat, ohne das etwas dominierte oder unterging. Die Salsiccia, richtig deftig und kräftig gewürzt, ist mehr als nur eine Empfehlung wert. Am Ende wollte ich noch bezahlen, als beide Berillos vehement verneinten. Auf meine Aussage das ich mich dabei wohler fühlen würde und das nicht abgemacht war kam folgende Antwort von ihm: „Lieber fühlst du dich deswegen schlecht als ich, das passt schon!“ Widerwillig nahm ich das Angebot an und bedankte mich ganz herzlich.

Vielen lieben Dank euch beiden. Für das Essen, die Getränke und das tolle Interview samt Kochvorführung.

~ Dima Krasno